Und ich bin länger keine Capulet – Tragödie mit Herz und Herzblut

24. November 2019

theager_ag_2019_titel2.jpgWeitere Fotos im Fotoalbum.

Was assoziiert man eigentlich mit einer Rose? Liebe, Schönheit, Anmut, Grazie? Unvergänglichkeit, Verbundenheit, Allgegenwärtigkeit? Vielleicht aber auch Schmerz und Stacheln? Die Rose, eine Blume, eine Blüte, die als Symbol kultur- und länderübergreifend bekannt ist, machte die Theater AG des Albert-Einstein-Gymnasiums Reutlingen zum Symbol ihres Stücks „Und ich bin länger keine Capulet“, einer freien Interpretation von Shakespeares Romeo und Julia.

Über ein Jahr haben sich die Schüler*innen unter der Leitung von Theaterpädagogin Janne Heyde intensiv mit Shakespeares Original, seiner Aufführungs- und Rezeptionsgeschichte, den kulturellen Bezügen, aber vor allem mit den Figuren des Stücks auseinandergesetzt, um dieses letztendlich in die heutige Zeit umzuschreiben. Die Aufführungen fanden am 13. und 14. November 2019 in der Aula des AEG Reutlingen statt und fanden enormen Anklang beim begeisterten Publikum, das nicht nur die moderne Interpretation der Liebesgeschichte, sondern insbesondere auch die grandiose schauspielerische Leistung beeindruckte.

Gar nicht modern, sondern im Original und fechtend begann die Aufführung mit der berühmten Szene, in der der sterbende Mercutio die Häuser Capulet und Montague verflucht. Wer vorher das Programmblatt aufmerksam gelesen hat, mag überrascht gewesen sein. Ein gekonnter Kniff jedoch, mit dem die Schülerinnen und Schüler klar gezeigt haben, dass sie auch das Original gut hätten spielen können und dass sie sich, wie in der direkt folgenden Szenenanalyse deutlich wird, mit den zentralen Fragen des Stücks auseinandergesetzt haben, bevor ihre eigene Version entstanden ist. So wurden die zentralen Themen der ersten großen Liebe, Familienstreit, Selbstbestimmung, Ablehnung des Partners durch die Eltern, Verzweiflung und Selbstmord in der heutigen Zeit verankert und insbesondere deren Allgegenwärtigkeit verdeutlich. „In Verona spielt unser Stück. In New York spielt unser Stück. In Riederich spielt unser Stück. In Marseille spielt unser Stück“ – dem Zuschauer wird spätestens jetzt klar, dass dies keine seichte Liebesgeschichte in Zeiten von Whatsapp und Facebook sein wird, sondern eine verstecke Kritik an der Art und Weise, wie Erwachsene Kinder und Jugendliche sehen, ein Ruf nach Aufmerksamkeit, nach dem Ernstgenommen werden, eine Bitte um Akzeptanz von Individualität, nach Dingen, die Heranwachsende oft vermissen.

theager_ag_2019_titel1.jpgDie Amme ist nicht die Amme sondern Anne, die beste Freundin, die Halt geben kann, Romeo ist nicht Romeo, sondern Romy. Der Familienkonflikt ist zurückzuführen auf eine Firmenpleite; Graf Montague ist ein vom Leben gezeichneter Mann, der seine Sorgen und seine Einsamkeit im Alkohol zu ertränken versucht. Julias Mutter, Frau Capulet, sieht in ihren Kindern Leistungsträger und Tybalt, Julias Bruder, meint, die Ehre seiner Familie verteidigen zu müssen. Ein Strudel, in dem sich Romy und Julia finden und gegenseitig Halt geben, bis auch sie letztendlich darin untergehen müssen. Die als Liebesgeschichte beginnende Inszenierung zeigt schauspielerisch grandios dargestellt erst einmal eine heile Welt. Das Problem ist nicht, dass Julia eine Freundin hat, sondern dass diese eine Montague ist. Doch in der Idylle sind von Anfang an Konflikte angelegt, die sich nicht lösen lassen und die die Handlungsmöglichkeiten der Protagonisten immer mehr einschränken, diese immer stärker einschnüren. Wundervoll szenisch herausgearbeitet schwindet nicht nur die Distanz zwischen den zwei Liebenden, sondern auch deren Spielraum; wo die Bühne erst noch Raum für heimliche Treffen bot, entpuppt sich bald jeglicher öffentliche und private Raum als potentieller Konfliktherd, aus dem auch explosionsartige Gefühlsausbrüche keinen Ausweg mehr darstellen. Geradezu logisch ist es, dass dieser Raum im Moment des Verschwindens und des Selbstmords der Liebenden wieder groß wird, von allen Seiten her schallen Rufe nach den beiden, die gesucht werden, überall sein könnten, aber nirgendwo mehr sind. Begleitet von ausgewählten Musikstücken und Gesang kommt auch das Publikum an den dargebotenen Emotionen nicht vorbei und nimmt viel Stoff zum Nachdenken mit nach Hause.

Die Rose beschreibt dieses Stück somit geradezu perfekt. Liebe, die eine wunderschöne Zeit verspricht, Anmut und Grazie als Eigenschaften, die die jeweils Geliebte verkörpert, die Hoffnung auf Unvergänglichkeit der Gefühle sowie der feste Glaube an die Kraft, die aus dieser Verbundenheit erwächst und durch die man alles meistern kann, charakterisieren den ersten Teil des Stücks. Allgegenwärtig sind jedoch von Anfang an die eingewobenen Konflikte. Die Rose hat Stacheln. Und diese Stacheln werden im zweiten Teil immer tiefer in die Herzen und Seelen der beiden Mädchen getrieben, sodass sie unendlichen Schmerz verursachen. Die Rose als Blüte der Liebe überlebt im Fall des Stückes „Und ich bin länger keine Capulet“ vielleicht den Winter nicht, doch sicher bleibt eine Knospe vorhanden, die die Zuschauerinnen und Zuschauer noch ab und an zum Nachdenken bringen wird.

Bericht im GEA:
https://www.gea.de/reutlingen_artikel,-romeo-und-juliaam-aeg-_arid,6178321.html

Von: Daphne Freygang
Bilder von Jan Lenz und Andy Fritz
Weitere Fotos im Fotoalbum.

Es spielten und sangen: Maren Angele, Max Baxmann, Lionel Chambon, Kari May Conrad, Diana Dragan, Tara Drljaca, Sophie Hebenstreit, Igraine Heyde, Thomas Kahlert, Jonathan Mohr,  Christina Reifschneider, Morgane Seif

Technik: Jascha Bleicher, Linus Brosch, Tim Glasmann, Jannes Grauer, Jan Lenz, Nico Schmeling

Statist*innen: Andriana Britvar, Melissa Frank, Sophia Herwig, Patrick Can Inci, Celine Mundl, Tobian v.  Peteghem

Leitung: Janne Heyde

Regieassistenz: Paula-Franziska Römer

Für die Unterstützung dankt die Theater-AG dem Förderverein AEG Aktiv e. V., dem Elternbeirat des AEG, der Schulleitung - Günter Ernst und Stefan Rempfer, der gesamten Technik-AG, Teresa Sommer-Wiedenmann, Daphne Freygang, Christian Ade, Susanne Schuchardt, Ulrike Stiens, Stefanie Stich-Wolff, Jonas Bochtler, Tim Delgado Roldan, Sabrina Schellin, Andy Fritz, Stefan Gaum, Retour Tübingen, Familie Gruber, Mats Heyde, der KS1 und der KS2, allen Kolleg*innen des AEG für das Mittragen der Probentage, allen, die das Projekt unterstützt haben und ganz herzlich auch den Eltern der Spieler*innen und der Technik AG! Ein besonderer Dank geht an Georg Henrich und Christa Henrich! DANKE



Schlagworte: Theater
Kategorie: Theater-AG