Nichts. Eine schockierend gut inszenierte Suche nach Bedeutung.

30. Mai 2019

20190524_195216.jpgPhilosophisch erscheinen diese Fragen, fast schon schwer, die Leichtigkeit missen lassend, die man doch normal vielleicht gerade von Jugendlichen erwarten würde. Aufgeworfen wurden sie ursprünglich im Rahmen des Jugendbuchs „Nichts - Was im Leben wichtig ist“ der dänischen Autorin Janne Teller. Und es scheinen gerade diese Fragen zu sein, die Schülerinnen und Schüler umtreiben und dazu bewegen, eben diesen Roman zu inszenieren.

Seit dem letzten Herbst hat der Literatur- und Theaterkurs des AEG Reutlingen, bestehend aus 16 Schülerinnen und Schülern der Kursstufe 1 und 2, unter der Leitung von Susanne Schuchardt, an der Inszenierung des Romans gearbeitet. Im Rahmen ihrer letzten Präsentationspüfung hat es sich die KS 2, bestehend aus 9 SchülerINNEN, zur Aufgabe gemacht, eine eigene dramatische Fassung zu entwickeln und diese zu inszenieren.

Inhaltlich dreht sich das Stück um einen 13-Jährigen, der sich auf einen Pflaumenbaum setzt und sämtliche Bemühungen, ihn vom Sinn des Lebens zu überzeugen, verhöhnt und verlacht. Seine Mitschüler, die zu wissen meinen, wofür es sich zu leben lohnt, versuchen nun einen „Berg der Bedeutung“ anzuhäufen. Erst einmal werden ein paar Sandalen aufgetürmt, doch die vermeintliche Harmlosigkeit schwindet schnell, als die Beiträge einen immer höheren Einsatz fordern. Am Ende stapeln sich Gebeine eines verstorbenen Jungen, die Unschuld eines Mädchens, ein toter Hund, Haare, ja sogar ein abgetrennter Finger neben einem Fahrrad und Boxhandschuhen.

Dem Zuschauer stellt sich unvermeidlich die Frage, welche Werte unsere Gesellschaft verkörpert und inwiefern materielle Werte, ideelle Werte und Grundwerte vergleichbar sind. Ob die Dinge, die hier so nebeneinander liegen, denn wirklich jeweils gleich viel bedeuten oder ob Bedeutung nicht vielmehr einer ganz individuellen Definition unterliegt.

20190524_194702.jpgSzenisch wird dies großartig untermalt dadurch, dass alles, was sich auf dem „Berg der Bedeutung“ stapelt, genau gleich, nämlich in schwarzen Boxen mit weißer Aufschrift, dargestellt wird. Differenziert wurde hier durch die Größe der Kartons – je nach Bedeutungsgrad, wie ihn die Jugendlichen gesehen haben. Ein weiterer gekonnter Kniff, der das Nichts des 13-Jährigen mit eben der Bedeutung kontrastiert, die er leugnet, stellt die Bühne dar: Am Anfang komplett leer, das Nichts repräsentierend, füllt sie sich langsam mit den schwarzen Boxen, nur um diese am Ende wieder von der Bühne zu werfen. Der Versuch, Bedeutung und Sinn im Leben zu finden, scheint gescheitert; der 13-Jährige ist am Ende tot.

Doch den Schauspielerinnen und Schauspielern gelingt mit ihrer brillanten Aufführung eigentlich genau das Gegenteil. Sie füllen 50 Minuten mit Spannung und Inhalt, regen zum Nachdenken an, führen den Zuschauer durch die Abgründe unserer modernen Welt, zeigen ganz ungeniert das, was manch einer als Verrohung der Gesellschaft bezeichnen würde. Dennoch gelingt es ihnen durch gelungene Situationskomik an der einen und anderen Stelle, die Schwere des Stücks erträglich zu machen. Der Abend ist mitnichten von Sinnlosigkeit gefüllt, die Gemeinschaftsleistung der Schülerinnen und Schüler herausragend. Wem es gelingt, solch philosophische Fragen derart klar und kurzweilig auf der Bühne aufzuarbeiten, der hat sich den lang anhaltenden Applaus wahrlich verdient.

Es lohnt sich also, etwas zu tun, dieses Stück auf die Bühne zu bringen, an diesem Abend ans AEG zu fahren zur Werkstattschau des Literatur- und Theaterkurses. Die individuelle Leistung jeder einzelnen Schülerin und jedes einzelnen Schülers entlohnt die vielleicht zu Beginn vermisste Leichtigkeit. Die szenische Interpretation, im Rahmen derer Individuen über sich hinauswachsen, zeigt klar die Sinnhaftigkeit der Beschäftigung mit vermeintlich nihilistischen Inhalten auf. Die Erkenntnis, dass das Leben Bedeutung hat, dass Handeln von Bedeutung ist und dass es auch einmal sein kann, dass diejenigen, denen wir Erwachsene immer einen Sinn zu vermitteln versuchen, nun genau das mit uns tun, zeichnet diesen Theaterabend im Besonderen aus.

Von: Daphne Freygang



Schlagworte: Theater
Kategorie: Tagebuch