Wasserballett, viele Bären und Beziehungskisten

13. April 2010

rmds_2010_03.JPGAlle Bilder im Fotoalbum.

Mitschüler, Freunde, Eltern und Lehrer drängten sich in der überfüllten Aula bis in die Galerien, um zu hören, was die Sieger der Klassenwettbewerbe von der fünften bis zur dreizehnten Klasse zu sagen hatten.

Am 19. Januar hatten der Comedian Helge Thun, der Poetry Slammer Harry Kienzler und die Schauspielerin Chrysi Taoussanis, die dieses Jahr zum ersten Mal mit von der Partie war, die Schülerinnen und Schüler bei einer morgendlichen Auftaktveranstaltung eingeladen, eigene Beiträge für das Projekt zu schreiben. Von Klasse fünf bis acht gab es fest vorgegebene Themen - Hobbies, Gruselgedichte, Werbung und Politik -, die Älteren durften sich selbst aussuchen, worüber sie schreiben wollten.

In den folgenden Wochen hatten die Kinder und Jugendlichen im Deutschunterricht Gelegenheit, gemeinsam mit ihren Mitschülern oder auch alleine ihre Ideen umzusetzen und eigene Texte zu basteln. Die Klassen schickten dann die jeweils besten Beiträge ins Rennen. Bei einer weiteren Vorrunde wurde noch einmal kräftig gesiebt, bis die Finalteilnehmer feststanden. Diese bekamen Ende Februar von Harry Kienzler und Chrysi Taoussanis professionelles Darstellungstraining, um gegen das Lampenfieber anzukämpfen und die Texte auf der Bühne ins rechte Licht zu rücken. Es will schließlich gelernt sein, vor über vierhundert Zuhörern aufzutreten!

In zwei Teams traten die jungen Dichterinnen und Dichter der Klassen fünf bis acht gegeneinander an, angefeuert durch flotte Sprüche von Harry und Helge. Ein erster Höhepunkt des Abends war das „Wasserballett" von Felix Hornstein und Marcel Linkenheil (Klasse 5), die sich nicht scheuten, ihren pfiffigen Text mit Synchronschwimmerbewegungen zu untermalen. Ihre Mitschülerin Maresa Fees gab in ihrem Gedicht „Sammelwahn" selbstkritisch zu, welche Blüten ihr Diddel-Fieber einst getrieben hatte - sicherlich Balsam auf die Seelen der kuschelmausgeplagten Eltern.

Niklas Kretschmer, Ben Kröner und Noah Schlotterbeck (Klasse 6) jagten einen „Sensemann" über die Bühne, Simon Robl konterte mit einem schaurigen „Gruselkreislauf", sodass die Publikumsentscheidung der Teams wieder denkbar knapp ausfiel. Helge Thun traute seinen Augen nicht, als sein Applausometer den Zuschlag immer um einige Millisekunden Harry Kienzlers Mannschaften gab.

Gummibärchen spielten bei den Siebtklässlern gleich zwei Mal die Hauptrolle: Amelie Fees erwies sich mit ihrem Beitrag gar keinen „Bärendienst", ihre Mitschülerinnen Sophie Banke, Theresa Schäfer, Elina Rittelmann und Maja Jankov verschaukelten Goethes berühmte Gedicht in einem Einkaufswagen, jedoch weit weniger dramatisch als im Original: Am Ende des „Bärchenkönigs" rettete sich die Mutter mit ihrem heulenden und kotzenden Kind an den Ausgang des Supermarktes, in dem auch „Actimel" (Jasmin Kazmaier und Ramona Welsch", der Partymacher Clearasil (Melissa de Oliviera-Limp und Isabel Flores-Santiago) und der „Sony-Plasma-Fernseher" (Michael Maihöfer) erhältlich sind, in dem man aber den „Obinator" (Pavlos Gogas und Tobias Koch) leider vergeblich sucht.

Die Achtklässler nahmen die Politik unter die Lupe und fühlten Günther Öttingers Englisch ebenso kritisch auf den Zahn wie dem G8, sozusagen als Abschiedsgruß an Helmut Rau. Patricia Hornstein betrachtete die Themen der Tagespolitik aus der Perspektive eines Mikrofons und riet bei zuviel Verdruss ganz im Sinne Peter Lustigs zum Abschalten. Auch ihre Mitschüler ließen nicht erkennen, dass aus diesen Schülern in vier Jahren jubelnde Nachwuchswähler werden könnten: kritisch-trübe Aussichten allenthalben!

Abseits der Bühne versorgte der Literaturkurs der Oberstufe unter der Leitung von Frau Stiens die Gäste in der Pause nicht nur mit Getränken und Schnittchen, sondern bot außerdem seinen „Worterguss am G." feil - einen Kurzgeschichtenband, in dem „Nachtgeschichten für Erwachsene" von siebzehn jungen Autoren versammelt sind ... damit dem Publikum auch im Bett das literarische Futter nicht ausgeht! Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie den Klappentext.

Beim Slam der älteren Schüler setzte sich Sebastian Hoebel (Klasse 11) nach dem revolutionären Opferlamm von Ruben Neugebauer (Klasse 14), der außer Konkurrenz auftrat, hinters Steuer eines Fahrschulwagens, geriet dabei ins Philosophieren und hätte sicherlich seinen Fahrlehrer ins Schwitzen gebracht, wäre das alles kein Traum gewesen. Besonders anrührend war die melancholische Kurzgeschichte „Morgengrau" von David Seiler (Klasse 13), die wie eine pessimistische Fortsetzung von Michael Endes „Momo" klang: Die grauen Herren haben die Uhrwerke dieser Welt fest im Griff, gegen die ein einsamer Clown unbeirrt, aber vergeblich mit seinen bunten Luftballons ankämpft.

Der humoristische Höhepunkt des Abends war das „Lyrische Quartett" von Alexander Streib und David Bazlen (Klasse 9), die Edmund Stoiber, Günther Öttinger und den Sexperten Boris Becker zur Rhetorik-Nachhilfe bei Marcel Reich-Ranicki schickten.

Robin Winkle beschäftigte sich mit komplizierten Beziehungskisten und zog nach poetischem Hadern ein vernichtendes, wenn auch betont nicht persönliches Fazit. Damit bereitete er den Siegern des Abends, Sebastian Richter und Jonas Nuber (Klasse 13), thematisch den Boden: Die Abiturienten traten mit „Zwei allein" als „Van" und „Gogh" auf und zweifelten anlässlich mehrerer verpatzter Abenteuer an ihrem männlichen Selbstverständnis - zur Erheiterung ihres Publikums! Beim regionalen Finale von „Raus mit der Sprache" am 13. Juli werden sie das AEG im Sudhaus Tübingen vertreten.

Am Ende des Abends standen trotz der unterschiedlichen Bewertungen des Publikums nicht nur zwei Gewinner auf der Bühne, denn „Raus mit der Sprache" lebt von seinen vielen unterschiedlichen Beiträgen - auch von denen, die es in den Vorrunden nicht bis ins Finale geschafft haben. Wir laden an dieser Stelle schon zum großen Showdown im Sudhaus ein und freuen uns auf die unerhörten Beiträge der bereits bekannten und nachwachsenden Dichter, wenn es 2011 wieder heißt: „Raus mit der Sprache!"

Videos und Textfassungen der Beiträge findet ihr auf www.raus-mit-der-sprache.com.

Von: J. Ch. Brauch



Schlagworte: Raus mit der Sprache
Kategorie: Tagebuch